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Droichead.net Irische Landeskunde Politik in Irland Das Wahlsystem in Irland

Irische Politik für Anfänger - Das Wahlsystem in Irland

Wie wählen die Iren, wie werden die Stimmen verteilt, warum haben Exoten und Unabhängige eine Chance?

Wahlen in Irland sind ein langwieriger, komplizierter und oftmals überraschend endender Prozess. Dafür sorgt nicht nur ein buntes Arrangement von Parteipolitikern und unabhängigen Kandidaten. Das irische Wahlsystem an sich ist so angelegt, dass sich nur wenige Kandidaten ihres Sitzes sicher sein können und selbst Exoten eine Chance haben.

Irland ist in Wahlkreise eingeteilt, deren Grösse sich wiederum (in etwa) aus der Zahl der dort registierten Wahlberechtigten ergeben. Und jeder Wahlkreis stellt eine bestimmte Anzahl an Abgeordneten ... um eine möglichst gerechte Verteilung der Sitze im Dail Eireann zu gewährleisten. Das ist die übliche Basis einer parlamentarischen Demokratie.

Aber wie wird genau gewählt?

Die Quote - Wann gilt der Kandidat als gewählt?

Wichtig ist zunächst die Quote für jeden Wahlkreis (constituency). Diese wird zu Beginn der Stimmauszählung errechnet. Man teilt die Zahl aller gültigen Stimmzettel durch die um eins erhöhte Zahl der Abgeordnetensitze des Wahlkreises, addiert zu dem Ergebnis nochmal 1 und ignoriert alles hinter dem Komma. Alles klar?

Ein Beispiel:

Der Wahlkreis Ballygobackwards hat drei Sitze im Dail. Am Wahltag wurden 10.000 gültige Stimmzettel abgegeben. Also errechnet sich die Quote

10.000 : (3 + 1) + 1 = 2.501

Wer demnach bei der Wahl in Ballygobackwards 2.501 Stimmen erreicht hat, der gilt als gewählt.

Nur eine Stimme - aber mit Präferenzen!

Jeder Ire, jede Irin, hat genau eine Stimme. Genauer gesagt Anrecht auf einen Stimmzettel. Und auf diesem kann er nach Belieben die Präferenz angeben - nicht Nur für einen, sondern gleich für alle Kandidaten. Und nun wird es kompliziert: Der Wähler darf alle Kandidaten auf dem Wahlzettel in der ihm genehmen Reihenfolge ordnen.

Also etwa

Padraig Judas O'Leprocy - 5
Gay Byrne - 1
Paul Hewson - 6
Joe Dolan - 4
Dustin Turkey - 2
Dana Rosemary Scallon - 3

Beim Zählen der Stimmen wird für diesen Wahlzettel vermerkt, dass Gay Byrne die Nummer 1 war, Dustin Nummer 2 und so weiter.

Als Ergebnis der ersten Auszählung nehmen wir jetzt einmal an, dass Gay Byrne auf 5.000 "Erststimmen" kam und somit sofort gewählt wurde. Die folgenden Plätze wurden belegt von Dana (2.000 "Erststimmen"), Dustin (1.500), Joe (1.000), Padraig (495) und Paul (5). Keiner der Konkurrenten erreichte also die Quote.

Surplus Votes - Mehr Stimmen als genug

Jetzt geht es nämlich an das Verteilen von Gays "surplus". Die für ihn letztlich sinnlosen 2.499 "Erststimmen" über der Quote werden jetzt nach den "Zweitstimmen" verteilt.

Bei den "Zweitstimmen" der Gay-Wähler gab es 90% für Paul Hewson, 5% für Dustin, 3% für Padraig und jeweils ein Prozent für Dana und Joe. Und in diesem Verhältnis werden Gays 2.499 "surplus votes" jetzt verteilt.

Das Ergebnis danach: Paul hat 2.254 (5 + 2.249) Stimmen, Dana 2.025, Dustin 1.126, Joe 1.024 und Padraig 569.

You are the Weakest Link ... Goodbye!

Nun geht es an die Elimierung des schwächsten Gliedes, in diesem Fall Padraig. Und dessen "Erststimmen" werden danach wieder nach dem System der Reihenfolgen-Präferenz verteilt. Da von Padraigs Anhängern 500 Dana ganz toll fanden, überholt sie flugs wieder Paul und ist mit 2.525 Stimmen gewählt.

Und man muss natürlich ihr "surplus" von 524 Stimmen wieder verteilen ... das ganze Spiel geht so lange, bis alle Sitze gefüllt sind - entweder mit jeweils einem Kandidaten über der Quote oder (nach vollendeter Auszählung, Eliminierung und Verteilung aller "surplus votes") in der Reihenfolge der endgültig gewonnenen Stimmen. Bei grossen Wahlkreisen kann es schon 'mal zu einem Dutzend Auszählrunden kommen. Was dauert ...

Gefahren des irischen Wahlsystems

Die grösste Gefahr des Systems ist eigentlich nicht an den Wahlvorgang gekoppelt - sie liegt eher im Wahlregister begründet. Gewissermassen die Wurzel des Übels. Da es in Irland keine Meldepflicht und dementsprechend auch kein Einwohnermelderegister gibt, kann man bei Umzügen schon 'mal vergessen, sich im Wahlregister umtragen zu lassen. Oder auch bei Todesfällen die Abmeldung unter den Tisch fallen lassen. Was dazu führte, dass man im Jahr 2006 krampfhaft versuchte, das Wahlregister in einer Tür-zu-Tür-Aktion auf aktuellen Stand zu bringen.

In einigen Dubliner Bezirken hatte man nämlich unter anderem festgestellt, dass nur rund 60% der Einwohner tatsächlich im Wahlregister eingetragen waren. Als Ausgleich fand man reichlich Verstorbene mit Stimmrecht ...

Die zweite Gefahr (oder auch Stärke) des Wahlsystems ist die Betonung der Person des Kandidaten, weniger der politischen Inhalte. Was spätestens dann deutlich wird, wenn sich vier Kandidaten einer Partei auf drei Dail-Sitze bewerben. United we stand? Andererseits begründet sich hier auch der Erfolg vieler unabhängiger Kandidaten.

Eine letzte Gefahr ist die Unberechenbarkeit der "Zweitstimmen" - zerfleischen sich mehrere profilierte Ksndidaten gegenseitig kann das Resultat die Wahl von Bozo the Clown sein.

Beobachter der politischen Szene verweisen allerdings gerne darauf, dass Bozo the Clown oftmals eine direkte Verbesserung darstellen würde.


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